Europäischer Jugenddelegierter Andin Berisha in Moldau beim Youth Policy Dialogue

Was macht eine Demokratie widerstandsfähig? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Youth Policy Dialogue mit EU-Kommissarin Marta Kos in Chișinău, dem Herzen Moldaus. Als European Youth Delegate durfte ich Österreich bei diesem Austausch vertreten und gemeinsam mit vielen weiteren jungen Menschen aus ganz Europa und den Nachbarregionen darüber diskutieren, wie wir demokratische Gesellschaften langfristig stärken können.

Andin Berisha hält Vortrag

Mit dabei waren Jugendvertreter*innen aus den Westbalkanländern, Georgien, Aserbaidschan, Deutschland, Belarus, der Ukraine, Rumänien, Moldau und weiteren europäischen Ländern. Schon diese Zusammensetzung machte deutlich: Demokratische Resilienz bedeutet in jedem Kontext etwas anderes. Für manche Länder steht die direkte Auseinandersetzung mit Desinformation und äußerer Einflussnahme im Vordergrund. Für andere geht es stärker um Vertrauen, politische Teilhabe und die Frage, wie Menschen sich wieder stärker mit demokratischen Prozessen verbunden fühlen können.

Gruppenbild mit EU-Kommissarin und Präsidentin von Moldau

Social Engineering for Media Literacy

Der Policy Dialogue selbst war nicht nur eine Veranstaltung über Beteiligung, er wurde auch nach diesem Prinzip gestaltet. Nach ersten Kennenlernformaten hatten alle Teilnehmenden die Möglichkeit, eigene Themen einzubringen, die die zukünftigen Arbeitsthemen darstellen sollten und diese in kurzen Pitches vorzustellen. Anschließend entschieden wir selbst, in welchen Arbeitsgruppen wir weiterarbeiten möchten. Dadurch entstanden fünf unterschiedliche Themenschwerpunkte, die von Gleichstellung und Sicherheit in digitalen Räumen bis hin zu intergenerationellem Dialog reichten. Ich entschied mich für die Arbeitsgruppe „Social Engineering for Media Literacy“. Ein Begriff, der zunächst vielleicht ungewöhnlich klingt, weil Social Engineering häufig mit Manipulation verbunden wird. Unsere Gruppe wollte den Begriff jedoch bewusst neu denken: Wie können wir das Wissen darüber, wie Vertrauen, Emotionen, Identität und Zugehörigkeit Kommunikation beeinflussen, nutzen, um demokratische Gesellschaften zu stärken?

Dabei war es mir besonders wichtig, die Perspektiven junger Menschen aus Österreich einzubringen. Gerade in Österreich wurde in den letzten Monaten intensiv über ein mögliches Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche diskutiert. Im Austausch mit den anderen Jugendvertreter*innen wurde jedoch schnell sichtbar, dass ein Verbot alleine keine umfassende Antwort auf die Herausforderungen digitaler Räume sein kann. Natürlich müssen junge Menschen vor Risiken wie Desinformation, Radikalisierung oder manipulativen Plattformmechanismen geschützt werden. Gleichzeitig dürfen wir junge Menschen aber nicht ausschließlich als Gruppe betrachten, die geschützt werden muss. Sie müssen auch als aktive Gestalter*innen digitaler und demokratischer Räume verstanden werden. Genau an dieser Frage arbeitete unsere Gruppe: Wie können digitale Kompetenzen und Medienbildung so weiterentwickelt werden, dass sie nicht nur vor antidemokratischen Narrativen schützen, sondern gleichzeitig demokratische Beteiligung stärken?

Andin Berisha Profilbild

Eine zentrale Erkenntnis unserer Diskussion war, dass Desinformation nicht nur ein Informationsproblem ist. Menschen glauben nicht ausschließlich aufgrund von Fakten oder Daten. Unsere Identität, Erfahrungen, Emotionen und das Gefühl von Zugehörigkeit beeinflussen, welchen Informationen wir vertrauen. Deshalb reicht es nicht immer aus, falsche Informationen nur mit Fakten zu widerlegen. Demokratische Gesellschaften müssen auch lernen, eigene positive und inklusive Narrative zu schaffen. Denn wenn Menschen ihre eigenen Erfahrungen und Lebensrealitäten nicht in öffentlichen Diskussionen wiederfinden, entsteht Distanz. Diese Distanz kann von antidemokratischen Akteur*innen genutzt werden, die einfache Antworten auf komplexe Herausforderungen bieten. Aus diesem Grund haben wir uns unter anderem für stärkere Medienbildung, verständlichere Kommunikation demokratischer Institutionen und mehr Möglichkeiten für junge Menschen ausgesprochen, ihre eigenen Geschichten und Perspektiven einzubringen.

Gruppenbild in Moldau

Nach intensiven Arbeitsphasen bereiteten wir unsere Ergebnisse für das gemeinsame Gespräch mit EU-Kommissarin Marta Kos vor. Kurz vor Beginn erwartete uns jedoch noch eine besondere Überraschung: Auch die Präsidentin der Republik Moldau, Maia Sandu, nahm am Austausch teil. Im direkten Gespräch konnten wir unsere Perspektiven, Sorgen und Lösungsvorschläge vorstellen. Besonders beeindruckend war dabei zu sehen, dass junge Menschen aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Kontexten ähnliche Fragen beschäftigen: Wie schaffen wir Vertrauen? Wie erreichen wir Menschen, die sich nicht gehört fühlen? Und wie gestalten wir demokratische Räume, in denen alle eine Stimme haben?

Nach den intensiven Diskussionen blieb natürlich auch Zeit, Chișinău kennenzulernen und die Gespräche außerhalb des offiziellen Programms weiterzuführen. Denn gerade diese persönlichen Begegnungen zeigen, warum europäischer Austausch so wichtig ist: Demokratie entsteht nicht nur in Institutionen, sondern durch Beziehungen zwischen Menschen.

Andin Berisha hält Vortrag

Unsere Arbeit endet jedoch nicht mit dem Youth Policy Dialogue. Gemeinsam werden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen nun weiter ausgearbeitet und in einem Booklet gesammelt. Unser Ziel ist es, dass die Perspektiven junger Menschen nicht nur gehört werden, sondern auch Eingang in zukünftige politische Entscheidungen finden.

Denn demokratische Resilienz entsteht nicht nur dadurch, dass wir Demokratie verteidigen. Sie entsteht dadurch, dass Menschen das Gefühl haben, Teil dieser Demokratie zu sein.

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Dann schickt mir gerne an andin.berisha@bjv.at eine E-Mail!
Ich freue mich auf eure Ideen und Anliegen!